Spieglein, Spieglein…, ach herrjeh!

Ich schlief spät ein und wachte früh auf. So ist das immer, wenn ich allein im Haus bin. Vermutlich bin ich innerlich ein bisschen durcheinander, weil ich in den letzten knapp zwei Jahrzehnten sehr selten einmal ganz allein war.
Außerdem will ich auch jede Sekunde bemerken, die mir durch die Sanduhr rieselt.

Das Wachwerden wurde mir erleichtert durch das Telefon, es klingelte laut und kräftig. Wenn alle Herrschaften aushäusig sind, dann wohnt das Telefon auf meinem Nachtschränkchen, das ist so ein kleines Aberglaubenspiel mit mir selbst (mit Aberglaubenspielen werde ich mich möglicherweise auch einmal befassen, ich sage nur Nonne auf der Fußgängerbrücke über der A4/ Glück oder Unglück?).
Es war dann aber nur der Fußballtrainer, der dringend eine Telefonnummer brauchte. Bin ich die Auskunft?

Früher Vogel fängt die Wrmchen, dachte ich und eierte in das Badezimmer, um morgentliche Verrichtungen auszuführen. In unserem Winzlingsbad ist alles eng beisammen und so fiel mein Blick unvermeidbar in den Spiegel.
“Ach du heilige Scheiße!!” war das einzige, was mein Kopf noch denken konnte. Im Spiegel war mein Gesicht zu sehen und auf der linken Hälfte zog sich vom Auge bis zum Kinn eine Schlucht. Eine Klamm. Ein Hautverwerfung. Tief. Sehr tief. Und der Gutfrisierte hat den Gesichtsbügler mitgenommen.

Somit werde ich heute früh erst einmal mit ein bisschen Gesichtsgymnastik versuchen, mein Antlitz wieder in Form zu bringen.

Ich bin dann übrigens sofort wieder in mein kuscheliges, warmes, frischbezogenes Bettchen gehüpft (an dieser Stelle einen Gruß an die zeltenden Familienmiglieder) und werde es langsam angehen lassen. Die alte Frage für den Spiegel habe ich mir heute erspart, ich wollte seine Antwort überhaupt nicht hören.

Was ist denn hier los?

Ich spitze meine Ohren und ich höre…. nichts.
Das stimmt nicht ganz, es gibt schon Dinge, die in mein Ohr dringen. Vogelstimmen kann ich hören, leise Mädchenmusik höre ich auch. Das Holz im Haus höre ich knacken. Und wenn ich richtig gut hinhöre, dann ist da das leise Rauschen meines Blutes in den Ohren.
Aber sonst?
Nichts.

Keine Stimme, kein menschliches Wort dringt an mein Ohr. Es rappelt und klappert und poltert nicht. Keine Schreie hallen durch die Räume, die sich an Wänden abdrücken und zielgenau in meine Ohren zischen.
Was sagt uns das?
Das Haus ist leer. Nur ein Mensch ist drin. Ein einziger Mensch.
Und dieser Mensch macht jetzt schnell mal alles sauber und dann lebt er die nächsten vier Tage in Ruhe und Frieden ein glückliches Leben. Und wer nun denkt, er hätte das auch gern so, der muss seine Plagen Lieben in der Welt verteilen.

Vierblättrige Kleeblätter

Das vierblättrige Kleeblatt ist bekanntlich der Glücksbringer überhaupt. Zu den Zeiten, als man noch mit seinen Freundinnen auf der Wiese herumlag an warmen Sommertagen, ein bisschen über diese oder jene sprach, oder dieses und jenes, suchte man, während man tausende von Gänseblümchen als Orakel der Liebe niedermetzelte, ihnen die zarten weißen Blättchen ausriss und doch nie das bekam, was man wollte, das Versprechen vom Schicksal, dass der hübsche Kerl zwei Klassen drüber endlich zurück verliebt sein würde, doch immer auch nach vierblättrigen Kleeblättern.

Sie würden dafür sorgen, dass die Zukunft wunderbar und großartig und wir glücklich, zufrieden, erfolgreich und perfekt sein würden. Aber es gab sie so selten, diese kleinen grünen Stengel mit den vier rundlichen Blättern daran. Drei Blätter hatten sie alle und waren so doch nichts besonderes. Wir versuchten, das Schicksal zu foppen, in dem wir zwei Dreiblättrigen je eines ihrer Blätter abpflückten und sie dann miteinander verbanden. Immer war der doppelte Stiel verräterisch und die Zukunft ließ sich nicht mit geschummelten Glücksbringern verbiegen. In all den Jahren, die ich Sommer für Sommer dort lag, in kurzen Hosen und Shirt, die Wärme auf dem Rücken und die Nase im Gras, habe ich Käfer gefunden, Ameisen beobachtet, bin vor Bienen im Klee geflüchtet und habe auf Grashalmen musiziert. Ich habe Saft aus Löwenzahnstengeln gepresst und mir auf die Haut geschmiert, weil es vor allerlei Hautkrankheiten bewahren sollte und ich habe kleine Wurzeln zwischen meinen Fingern zerrieben, weil sie erdig und finster rochen.
Aber nie habe ich ein vierblättriges Kleeblatt gefunden.

Im vergangenen Sommer, als der große Junge so schlimm krank war und die Zukunft dunkel und gefahrvoll über unseren Köpfen hing, da lag ich in einem kurzen Moment der Stille mit dem Wolkenköpfchen auf der Wiese und erzählte ihr von all den Jahren, die ich versucht hatte, ein einziges Glückskleeblatt zu finden, um mein Glück auch wirklich in der Hand halten zu können. Und wir wussten, ein vierblättriges Kleeblatt war genau das, was wir mehr als dringend brauchten, damit alles gut werden würde. Und so suchten wir im Gras zwischen den Kleeblüten. Kurz nur. Vielleicht ein paar Minuten. Und dann war es so weit. Das Wolkenköpfchen hielt eines hoch. Ich schaute nach dem Stiel, aber es war nur einer. Sie hatte auf Anhieb ein Vierblättriges gefunden, strahlte, war sich sicher, dass nun nichts mehr schief gehen könnte.

Wir legten das Kleeblatt in ein Buch, um es ganz platt zu drücken, zu trocknen und dann, wenn der große Bruder wieder nach Hause kommen würde, wollten wir es ihm in einem Bilderrahmen an die Wand seines Zimmers hängen, damit er es sieht. Damit er weiß, wir haben seinen Glücksbringer gefunden für ihn.

Heute, gute zehn Monate später, haben wir den Mittag mit dem Versuch verbracht, uns an den Titel des Buches zu erinnern, in dem das Kleeblatt steckt. Die Hälfte der Bücher haben wir schon durchgeblättert. Und uns dabei lachend gestanden, dass wir uns den Titel merken wollten, es aber einfach nicht getan haben.
Der große Bruder ist schon lange zuhause und gesund und munter, von dem schützenden Kleeblatt weiß er nichts, aber irgendwann wird es aus dem Regal wieder auftauchen. Vielleicht dann, wenn er es noch einmal dringend brauchen kann.

Ein packendes Interview!

Vor vierzig Jahren war Frau Lavendelkinder ein Kind wie hundertausend andere Kinder auch. Ein bisschen ängstlich, süßen Sachen zugetan und begeisterte Muttervaterkindspielerin. Im Laufe der Jahre entwickelte sich aus dem Kind heraus eine Frau, die eigene Kinder erschuf und sich seit nun mehr fast achtzehn Jahren mit deren Pflege und Entwicklung befasst. Die Journalistin Frollein Lavandenfant traf sich mit ihr an ihrer aktuellen Wirkungsstätte zu einem ausführlichen Interview über Kindheit heute und früher, über Partnerschaft und Prügelstrafe.

Frl. Lavandenfant: “Frau Lavendelkinder, seit achtzehn Jahren befassen Sie sich nun mit Kindern und deren Aufzucht. Was hat sich in den vergangenen Jahren verändert?”

Fr. Lavendelkinder: “Vieles.”

Frl. L.: “Nun, das ist sehr interessant. Könnten Sie das präzisieren?”

Fr. L.: “Aber gern. Als sie (die Kinder; Anm.d.Red.) noch klein waren, da waren die elementaren Dinge das Zuführen von Lebensmitteln, die Reinigung des Körpers und die Hilfe zur Nachtruhe. Heute ist es so, dass sie (die Kinder; Anm.d.Red.) sich durchaus selbst reinigen, was ein großer Fortschritt ist. Meist bedarf es dazu zwar bei dem ein oder anderen (Kind; Anm.d.Red.) diverse Aufforderungen mit Hinweis auf Gerüche, aber den Akt selbst vollziehen sie im fest verschlossenen Badezimmer.
Auch die Lebensmittel werden heute ohne weiteres zugeführt, es bedarf keine Unterstützung bei der Handhabung von Besteck. Was sich gehalten hat, sind Hinweise auf eine gewisse Körperhaltung, die beim Vorgang der Aufnahme von Lebensmitteln gern gesehen wird.
Die Hilfe zur Nachtruhe hat sich gewandelt in die Aufstehhilfe. Sie sehen, in den vergangenen Jahren fanden große Umwälzungen in den Anforderungen an mich statt.”

Frl. L.: “Und wie geht es Ihnen damit?”

Fr. L.: “Hach. Das ist eine gute Frage. Ich bin schon recht froh, dass ich ihnen (den Kindern; Anm.d.Red.) den Arsch nicht mehr wischen muss. Das können Sie mir glauben. Das war keine meiner liebsten Aufgaben. Und bei den Ichhabehungerrufen nicht mehr sofort aufspringen zu müssen, hat ganz klar Vorteile. Aber die Hilfe zum Aufstehen, damit fühle ich mich nicht so richtig gut. Stellen Sie sich das doch einmal vor. Da haben Sie die ganze Nacht geruht und versucht, den Tag zu vergessen, stehen morgens auf und sehen, dass immer noch alle (Kinder; Anm.d.Red.) da sind. Motivieren Sie sich dann doch mal. Das ist so eine schwierige Situation. Sie gehen in ein Zimmer, wobei die Räumlichkeiten den Titel Zimmer nicht immer verdienen. Manchmal muss man es beim Namen nennen, manchmal muss man Müllkippe sagen. Und dann stehen Sie da, in einem Raum, der einmal ein Zimmer war und nun eine Müllkippe ist und während Sie noch überlegen, ob Sie den dicken Denis (Fernsehsendung-Entrümpler; Anm.d.Red.) anrufen müssen, damit er das Messie-Zimmer wiederaufbereiten kann und das Fernsehvolk dabei zusehen darf, trällern Sie ein freundliches “Guten Morgen” und ernten postwendend ein “Uäääääwürgnäääne?” Keine verständliche Antwort, keine strahlenden Augen, lediglich ein abgewürges Grunzen begrüßt mich. “Du musst jetzt aufstehen, mein Lieber.” säuselt man und bekommt ein abgrundtiefes “Jahaaaaaamaneyweißisch!” entgegengeranzt.

Frl. L.: “Kommt Ihnen das denn irgendwie bekannt vor aus Ihren eigenen Jugendtagen?”

Fr. L.: “Hören Sie mal, was ist das denn für eine Frage? Da kann ich nur ganz empört darauf hinweisen, dass ich stets früh und frohgemut mein Bett verlassen habe.”

Frl. L.: “Sind Sie sicher? Ich habe da bei meinen Recherchen aber ein recht interessantes Detail über Ihre Aufstehgewohnheiten entdeckt, das in eine völlig andere Richtung zeigt.”

Fr. L.: “Details, Details, Details! Was sollen denn das für Details sein, meine Liebe? Genau. Gut. Ich erinnere mich natürlich daran, dass mein Vater irgendwann nur noch kurz seinen Kopf in mein Zimmer steckte und laut schrie: “Steh auf, Du verpenntes Stück, Du hast noch fünf Minuten!”
Aber das zeigt doch einfach nur, dass er pädagogisch nicht sehr versiert war, oder? Oder? Und dann war der Kopf auch schon wieder draußen, bevor ich nur ein Wort sagen konnte. Und wie gern hätte ich ihm einmal mitgeteilt, wie mir dieses morgentliche Geschrei auf den Wecker ging. Ich hätte so gern einmal “Uäääääwürgnäääne?” zurückgebrüllt und….”

Frl. L.: “Ach so? Hätten Sie? In der Tat? Uäääääwürgnäääne? Erinnert Sie das nicht an irgendetwas?”

Fr. L.: “Nein.”

Frl. L.: “Nein?”

Fr. L.: “Nein!”

Frl. L.: “Echt nicht?”

Fr. L.: “Ach Herrgottnochmal. Vielleicht. Ich möchte das nicht weiter vertiefen und habe keine Erinnerung daran. So!”

Frl. L.: “Ob es sich da nicht jemand zu leicht macht?”

Fr. L.: “Was soll das denn jetzt? Da komme ich hier zum Interview über das harte Leben einer Mutter, über Kindheit früher und heute und den ganzen Kicki, und dann werde ich hier auf unangenehme Art und Weise angegangen. Ich muss doch sehr bitten.”

Frl. L.: “Schon gut, wer wird denn hier gleich empfindlich sein! Also. Gehen wir weiter. Wie steht es denn so mit der körperlichen Züchtigung? Was haben Sie für eine Meinung diesbezüglich?”

Fr. L.: “Soll nicht sein, kann passieren, dann ist es Scheiße. So. Weiter.”

Frl. L.: “Und Erziehung auf Partnerschaftsebene? Das Kind als Kollege in der Familie?”

Fr. L.: “Schwachsinn. Ich bin ein autoritäres Arschloch, heutzutage. So sieht es aus.”

Frl. L.: “Also das glaube ich jetzt aber nicht. Bei meiner Beschäftigung mit Ihrer Person ist ein Bild entstanden von einem Menschen, der bei Windelwerbung anfängt zu weinen, weil er so gerührt ist von den niedlichen Babys. Und der sich entschuldigt bei den eigenen Kindern, wenn er herümgebrüllt hat, wie mir eine Wandnachbarin überzeugend beschrieb.”

Fr. L.: “Das ist üble Nachrede. Immerhin habe ich einmal einem meiner Kinder einen Zahn ausgeschlagen.”

Frl. L.: “Soweit ich weiß handelte es sich um einen lockeren Milchzahn und das Wort Arschloch war im Spiel.”

Fr. L.: “Und was soll das jetzt? Wollen Sie meinen Ruf hier komplett vernichten? Meine Kinder nehmen mich doch nicht mehr Ernst, wenn sie glauben, ich bin eine weichgespülte Heulsusi. Das können Sie doch nicht wollen.”

Frl. L.: “Was unsere Leser natürlich zum Schluss noch interessieren würde: Wann kommt das vierte Kind?”

An dieser Stelle musste das Interview leider abgebrochen werden und nachdem der Notarzt einerseits das Midazolam (19 Milligramm, auch Elefantenhypnose genannt; Anm.d.Red.) appliziert hatte, und andererseits das Hämatom unter dem Auge versorgt war, beschlossen Frau Lavendelkinder und Frollein Lavendenfant, sich in den nächsten Wochen nicht auf mehr als einhundert Meter einander anzunähern.

Übersetzungsprobleme? Verständnisfragen?

Es gibt Tage, an denen habe ich das Gefühl, ich verstehe nichts. Überhaupt gar nichts. Ich stehe in meinem Leben, schaue mich um und es ist, als wäre ich mitten in China. Von Menschen umgeben, die alle reden. Aber kein einziges Wort ist verständlich, erkennbar oder zu erraten. Und alle Plakate, Aufschriften und Texte sind wie kleine Kritzelbilder.

Ich stehe da, versuche angestrengt, irgendwie zu kapieren, was passiert, wo der Weg hinführt, wo der Hase langläuft, aber außer lustigen kleinen Gedanken wie zum Beispiel: “Higgeldi Piggeldi Pop oder es muss im Leben mehr als alles geben” kommt nichts zustande. 
“Higgeldi Piggeldi Pop, der Hund, der fraß den Mopp” folgt auf dem Fuße und schon bin ich in der Kinderbücherwelt, wo diese Gedanken herkommen. 
Und alles andere, was in meinen Kopf soll, weil es an mich herangeredet wird, macht nur “Konishi hashi pobashi, libsie bunacksie!”. 

Es wäre schön, wenn mir jemand in drei kurzen Sätzen einmal alles erklären könnte. 
Danke.

(Wieso unverständlich? Was ist denn an diesem Blogpost jetzt unverständlich? Ich muss doch sehr bitten, ich habe alles erklärt. Oder?)

Feindliches Raumschiff greift an

“Alle Mann auf die Brücke!”
“Ey, Captain!”

Es kracht und rappelt, die Brücke erzittert und alle Anwesenden fliegen von einer Ecke in die andere oder halten sich krampfhaft an Stangen und festgeschraubten Sesseln fest.

“Captain, sie greifen an…!”
“Ach was, das habe ich auch schon gemerkt! Sofort die Schilde hoch und macht die Photonentorpedos klar. Alarmstufe rot!”, sprach`s und sofort erfüllt ein markerschütterndes Elektrogekreische in Kombination mit psychedelischen Lichtblitzen die Brücke.

“Captain, sie rufen uns.” spricht die flotte Kommunikationsexpertin.
“Auf den Schirm.”

Auf dem riesigen Flachbildschirm taucht ein unfreundlich aussehendes Gesicht auf. Das Haar ist ein bisschen strähnig aber offensichtlich mit viel Zuwendung und Gel in eine Frisur gebracht, die Haut wirkt ungesund und pickelig. Jung sieht er aus, der Captain des feindliche Raumschiffs. Verdammt jung.

“Wir fordern euch auf, euer Schiff umgehend zu verlassen und es uns zu übergeben.” sagt der Typ.

“Hä?” sagt die Captaineurin. “Wie bitte?”

“Wie jetzt hä?” sagt der Typ.

“Warum sollten wir das tun? Und wo sollten wir denn hin?”
“Das ist doch mir scheißegal. Weg halt. Beamt euch ins All. Interessiert mich nicht. Ich will euch jedenfalls nicht mehr sehen und wenn ihr nicht abhaut, aber ganz schnell, dann werde ich euer Schiff angreifen.”

“Hör mal, Bübchen, dass hast du schon getan. Sieh dich doch mal um. Überall hängen die Kabel aus der Decke und wir haben einige Verletzte. Pille, wieviele Verletzte?”
“Zwei bis vier, Captain.”
“Schick sie auf die Krankenstation.”
“Ja, Sir.”

“Aber ich will das Schiff jetzt haben.”
“Kleiner, das geht nicht.”
“Warum denn nicht?”
“Weil du noch viel zu klein bist, so ein großes Schiff fliegen zu können. Du denkst, du könntest das. Aber weißt du denn überhaupt, was man dafür alles braucht? Erst einmal Geld. Und damit musst du auch gut umgehen können, sonst geht dir der Sprit aus und du kannst nicht mal auftanken, weil du alles für Bier und Kippen ausgegeben hast. Dann musst du dich drum kümmern, dass die Besatzung auch immer saubere Uniformen hat. Die waschen sich aber nicht von allein. Und weißt du, wo hier auf dem Schiff die Waschküche ist? Nein? Siehst du. Also lass mal gut sein und flieg einfach weiter…!”

“Was laberst du, Alte? Ich will das Schiff. Also hau ab, sonst knallt`s.”
“Nö.”
“Doch.”
“Nö.”
“Doch.”

Eine Stunde später:
“Nö.”
“Doch.”

Eine Stunde später:
“Nö.”
“Doch.”

“Und wie lange soll das so noch weiter gehen?”
“Weiß nicht. Ist jetzt auch total langweilig. Also her jetzt mit dem Schiff.”
“Pass mal auf, du Lurch. Ich sage es dir jetzt ein letztes Mal in aller Freundlichkeit. Du kannst das Schiff nicht haben. Ist meins. Ganz einfach. Bau dir ein eigenes. Oder klau dir ein anderes. Aber nicht meins. Kapiert?”
“Eh, Alda, musst du mal chillen, echt. Ich schieß dir jetzt noch schnell einen vor den Bug und dann hab ich eh keine Zeit mehr für den Scheiß hier, ich muss weg.”
“Wohin?”
“Geht dich doch nix an!”
“Wann kommst du wieder?”
“Geht dich nix an.”
“Hallo??? Wann?”
“Weiß nicht.”
“Himmelherrgottkruzifixdonnerunddoria.”
“Hast du mal Geld?”
“HÄ?”
“Ich habe ja auch aufgehört zu ballern und bin ganz nett und freundlich. Schau mal, was ich für einen lieben Blick habe. Und ich habe auch rausbekommen, wo die Waschküche auf eurem Schiff ist. Ich könnte da ja mal eure Uniformen in die Waschmaschine stecken. Und ich schieße auch für den ganzen Rest des Tages nicht mehr. Versprochen. Also kann ich bestimmt doch Geld haben!”
“Nein. Hau ab.”
“War ja wieder klar.”

Und das feindliche Raumschiff verbirgt sich mit seinem Tarnmodus in einer Duftwolke und entschwindet mit Lichtgeschwindigkeit in eine fremde Galaxie, um neue Welten zu entdecken und andere Mitglieder des versprengt lebenden Volkes der Pubertisten zu finden und mit ihnen mal eine weitere Lebensform zu vernichten oder wahlweise ein halbes Universum zu zerstören ein Bierchen zu trinken.

Man muss die Sache mit der Sucht überprüfen.

Und das tue ich jetzt mal. Es ist gleich Sonntag. In wenigen Minuten. Und ich werde versuchen, den kompletten Sonntag über das Laptop nicht anzurühren. Dabei beobachte ich, ob sich Entzugserscheinungen ergeben.

Warum ich das mache? Weil das Wolkenköpfchen gemosert hat, ich wäre aber viel am Computer, heute. Und da hatte sie wirklich recht.
Es wäre doch gelacht, wenn ich nicht für vierundzwanzig Stunden die Finger vom Gerät lassen könnte.

Ich bin gespannt. Natürlich beinhaltet das auch sonstige internetfähige Gerätschaften.
Was mache ich denn dann wohl? Und wenn ich mich langweile? Na, so weit kommt es noch, dass ich mich langweile! Was für ein Quatschgedanke.

Dann bis später, liebes Leservölkchen, mit mir ist frühestens am Montag wieder zu rechnen. Ich gehe in der Zwischenzeit mit dem Wolkenköpfchen spielen.

Start: 0:03 Uhr

Der Arbeitskampf steht an…

Falls es den einen oder anderen interessiert, wie die Geschichte des Streiks weitergeht, hier kommt die Fortsetzung.

Die Betrachtung der Küche führt um zweiundzwanzig Uhr dreißig zu folgenden Ergebnissen:

Oberflächlich gesehen ist das schmutzige Geschirr komplett entfernt. Das Besteck ebenfalls. Es liegen keine bemerkenswerten Sachen mehr herum.

Im Zoom auf die Arbeitsfläche sind Stellen zu bemerken, die auf Grund ihrer Konsistenz und Klebrigkeit innerhalb der nächsten vier bis zwölf Stunden zum Entstehen einer Ameisenstraße beitragen können. Auf jeden Fall wird es aber zur berühmten Fellbildung auf Holz kommen.
Der Zoom ins Waschbecken fördert allerhand zu Tage. Pesto-Resto allüberall. Das Becken ist mit angetrocknetem Spülschaum, Pesto rosso, Käseflöckchen (oll) und einem viertel Pfund Spaghetti verunreinigt. Das Wasser läuft mitnichten mehr reibungslos durch den Abfluss, weil selbiger zugebabbt ist.
Hinweise auf die Unvollständigkeit der Reinigung werden mit ausgeprägtem Unverständniss ins Reich der Märchen verwiesen.
Außerdem würden die Nudeln sicher bald freiwillig durch den Abfluss glitschen, wenn man nur lange genug warten könne. Geduld wäre da sehr wichtig, so wurde mir mitgeteilt.
Die undefinierbaren Sachen an den sonnengelben Küchenkacheln wären schon länger dort und somit kein Ergebnis der Nudelaktion, darum auch nicht im Zuständigkeitsbereich der Spülenden angesiedelt. Stimmt. Das war der Gutfrisierte am Mittag mit einem Bananenshake. Der Pürierstab hatte sich von Bananenresten einfach mal mit einem Urschrei freigemacht. Ich kenne das, ich muss hin und wieder auch schreien und dann fliegt dies und das um mich herum. Darum habe ich Verständnis für den Pürierstab. Warum der Gutfrisierte anschließend die Folgen der pürierstäblichen Frustrationskompensation nicht bereinigte, dass bleibt ein Geheimnis.
Möglicherweise ist es aber die Schmutztarnkappe, die wieder zuschlug. Da diese nur für Menschen männlichen Geschlechts arbeitet, sehe ich den Dreck leider immer, die Üppsilon-Kollegen aber nie. Dazu gehören auch tote Fliegen auf der Fensterbank und Wollratten auf Treppenstufen.

Der Stand der Dinge änderte sich um dreiundzwanzig Uhr fünfundvierzig noch einmal, als die klassische Mitternachtshungrigkeit ihr Recht auf Befriedigung einforderte. Abgesehen davon, dass der ein oder andere durch die relative Nähe vom Bett zur Küche und das Vorhandensein mordsmäßig laut knarrender Bodendielen um diese Uhrzeit mit einem heftigen Schrecken aus dem Schlafe hochfährt und nach der nicht existierende Waffe unter dem Kopfkissen greift (dort aber nur einen I-Pod findet, der noch immer die Geschichte vom bösen Wolf erzählt, obwohl die Zuhörerin schon längstens in eigenen Geschichten entschwunden war), ist es doch nur zu verständlich, dass Menschen im Wachstum ihrem Körper etwas zum Verstoffwechseln anbieten müssen. Auch nachts, da darf man nicht kleinlich sein.

Somit ergab sich am Morgen erneut ein Bild von gelebter Küchenkultur. Nicht in dem Ausmaß der Nudelparty, da nur ein Toast mit Käse und eines mit Schokomansche bestrichen wurde, doch wenn man weiß, was ein einzelner Mensch mit zwei Scheiben Toast anrichten kann, dann hat man eine Vorstellung von der Krümelorgie. Und dem Schokomanschklebanstrich.

Beim Decken des Frühstückstisches, der übrigens von bestimmten Menschen nicht mehr besucht wird, da sie um die frühe Zeit nicht hungrig sind, weil sie doch spät noch etwas aßen, ließen sich ein paar weitere lustige Kleinigkeiten entdecken. Die Messer hatten noch Käseflusen (oll) an sich, zwischen den Gabelzinken klebte dies und das, die Gläser hatten einen schlechten Film auf ihrer Oberfläche und die Teller waren feucht, als sie aus dem Schrank geholt wurden.

Nun liegt es an mir. Will ich es sauber? Oder will ich es nicht machen?
Wenn ich es sauber will, dann muss ich es selbst machen, wenn ich es nicht machen will, dann ist es nicht meinen Standards für Sauberkeit und Hygiene angemessen.
Muss ich mich damit abfinden, dass die unterschiedlichen Anforderungen an Reinlichkeit nicht auf einen Nenner kommen werden in den nächsten, nun sagen wir mal zehn bis zwölf Jahren?

Und warum hat unser Hausmädchen eigentlich ständig frei? Ich meine, Ruby arbeitete im Haus am Eaton Place ja auch Tag und Nacht und am Wochenende.

Mir fehlt bei meinem Streik ein bisschen die Perspektive. Ich muss meine Ziele einmal überdenken und genauer definieren, sonst ist das völlig sinnlos, zu streiken.
Für heute habe ich eine innere Betriebsversammlung angesetzt, bei der ich darüber nachdenke, welche Forderungen ich genau stelle, wie ich sie durchzusetzen gedenke und welche Ziele ich anstrebe.
Dann kommt es zur Urabstimmung über die Streikmodalitäten.
Und zum guten Schluss werde ich die Mitbewohner über die Modalitäten informieren.

Das könnte so aussehen:

MUTTER STREIKT

Vom 10.05.2013 wird gestreikt.
Es handelt sich hierbei erst einmal um einen einwöchigen
WARNSTREIK!

Die Streikende wird keine Geräte bedienen, die einen Nutzen für die Allgemeinheit haben:
- Waschmaschine
- Trockner
- Auto
- Herd
- Geldautomat
- Televisionsgerät
- Backofen
- Staubsauger

Die Streikende wird keine Handgriffe tun, die einen Nutzen für die Allgemeinheit haben:
- Spül- und Putzbürste, -lappen, -schwämme in die Hand nehmen
- Sachen aufheben
- Sachen wegräumen

Die Forderungen:
MACHT DOCH EUREN SCHEIß SELBER SAUBER            oder
KÜMMERT EUCH SELBST UM EUREN SCHEIß

Und das alles nur, weil ich keine Lust mehr habe, ständig zu kochen.
Ob das jetzt vielleicht ein klein wenig unangemessen ist, wegen der Kochunlust gleich die komplette Arbeitssituation zu verdammen?
Ich sag mal, es sind schon Leute für weniger in den Krieg gezogen.

Oder?

 

Streik!

Gestern Abend war Streik.
Von mir. Ich war in den Ausstand getreten.
Ich hatte keinen übertriebenen Forderungen. Ich wollte keine Gehaltserhöhung, es ging auch nicht um Sicherheitsmaßnahmen am Arbeitsplatz, wie zum Beispiel die Hygienesituation im pubertären Obergeschoss. Auch zum Thema Altersvorsorge und Rente waren von mir keine Forderungen lautgeworden (bei diesem Thema treten mir Schweißperlen auf die Stirn, denn ich habe schon jetzt eine Anwartschaft auf Armut im Alter).

Mein Streikmotto des gestrigen Abends hieß:

“Ich koche nicht!”

Keine Lust auf kochen. Seit bald achtzehn Jahren koche ich familienintern. Der geneige Leser weiß, dass ich anno dunnemals das Kochen professionell betrieben habe, mit einer langwierigen und harten Ausbildung, und es zu einer Gewissen Fähigkeit gebracht habe. Nun mehren sich in der letzten Zeit die Momente, in denen ich leergekocht bin. Keine Rezepte mehr im Kopf, keine Geschmeidigkeit mehr in den Fingern, keine Motivation mehr in der Seele. Mein Kochbeutel ist leer.  Im Laufe der Zeit hat sich meine Ausgangsbasis “Frische Sachen auf den Tisch” verwässert und es kam zu solchen Aussetzern wie “Fast Food”, “Tiefkühlpizza”, “Fertigfraßtöpfchen”.
Dieses schleichende Versagen im Bereich der gesunden Ernährung wurde maßgeblich gestützt durch die Freudenschreie der Minderjährigen bei Nahrungsmitteln ohne Gemüse und mit ordentlich was an Konservierungsmitteln, Aromastoffen und Farbe.
So kam es zu einer unguten Umprogrammierung in meinem Gehirn, bei der sich eine Verknüpfung zwischen Schweinefraß und Glück gegen Gesundessen und Gemecker ergab.
Jahrelang ging mein Abwehrkampf. Ich errichtete Gemüselasagnemauern und Kartoffelsuppenteiche, Brokkoliwehranlagen und Kirschkernselbstschussanlagen.
Ich kämpfte mit spitzen Spargelstangen und Bratlingbomben. Es hagelte Vollkornprodukte und Reiskörnchen.
Aber nun muss ich gestehen, ich habe den Kampf verloren. Der Schweinefraß hat gesiegt. Die Minderjährigen haben ihm ihr Herz geschenkt.

Und gestern Abend, ein Feiertagsabend, der eigentlich vorgesehen ist für ein gutes und leckeres Feiertagsessen, gestern Abend hatte ich keinen Bock. Ich hatte schon Mittwochs keinen und nicht eingekauft. Somit waren wir relativ leergefegt und ich erklärte mit all meiner verbliebenen Kampfeslust:

“Ich koche nicht!”

Das hat zuerst einmal auch keiner bemerkt. Um fünf Uhr hatte ich es das erste mal gemurmelt, als ich vom Mann mit der feschen Frisur gefragt wurde, was es denn zu essen geben solle.
Um sechs Uhr sagte ich es zum zweiten mal, als das Wolkenköpfchen den ersten Hunger verspürte.
Um sieben Uhr kamen andere Minderjährige angestürmten und forderten lautstark Speisen ein.
Aber “Ich koche nicht!”.

“Wie jetzt?”
“Warum nicht?”
“Ja, aber was sollen wir denn essen?”
“Ich bestelle Pizza. Gib mal Geld!”
Gab aber kein Geld.
“Dann bezahle ich es eben selber…!”
Bitte sehr, tu das.
“Warum gibt das denn nix zu essen?”
“Ich mache mir selber was!”

Aaaaaah, gute Idee, macht euch selber ein Abendessen.
Ich hatte auch ein bisschen Apetitt und machte mir so einen kleinen Notfallfertigfraßtopf. Eklig. Aber egal. Den schmecke ich heute immer noch.

“Eh, ich wollte ja was kochen, aber es ist nix da….!” klingt es mit Empörung in der Stimme durch die heimischen Hallen. Ja, so kann es gehen, wenn man immer denkt, alle Lebensmittel wandern von allein in den Kühlschrank.
Außerdem stimmte das mit dem Nix jetzt nicht ganz.
Ich führte an, es gäbe im Kellervorratsschrank jede Menge Nudeln. Und Fertigpesto. Oder Reis. Es gab auch noch ein Schälchen Fertigwurscht mit Currysoße, die hatte sich aber das Wolkenköpfchen schnellstens unter den Nagel gerissen, als es merkte, die Situation ist ernst.
Es folgte noch eine halbe Stunde Genörgel, das ich aber mit Hilfe des Fernsehprogramms komplett aus meiner Wahrnehmung ausblendete. Alle Fragen, die sich mit dem Essen beschäftigten, beantwortete ich lediglich mit einem grenzdebilen Blick und richtete dann meine ganze Aufmerksamkeit wieder auf Tom Cruise, den alten Sektenheini und schaute ihm zu, wie er mit irgendwelchen Holzkugeln durch die Gegend rannte, um Morde zu verhindern. Ich werde mir sicherheitshalber Holzkugeln zulegen, damit lässt sich auch hier vielleicht das ein oder andere verhindern, wenn die Situation mal ganz kritisch werden sollte.

Aber dann, nach dieser Stunde, entstand eine gewisse Dynamik. Einer ergriff die Initative und kochte ein Kilo Spaghetti. Da auch noch familienfremde Puberitsten anwesend waren, setzte sich dann eine Hormonhorde in die Küche und schaufelte das Kilo mit Pesto, altem (ollem) Käse,

oller Käse

Butter, Salz, Pfeffer und Ketchup in sich hinein.
Na also, geht doch.
Nur einer wollte nicht so recht und machte sich dann später ein Rührei, in welches er einige Spaghettireste einbriet. Und Ketchup. Natürlich.

Irgendjemand hatte dem Hund wohl ebenfalls eine Portion Spaghetti kredenzt, ich weiß nicht wer, denn ich verweigerte auch das Aufstehen insgesamt. Woher ich es dann weiß, dass der Hund Spaghetti bekam? Nun, die lagen heute früh ausgekotzt in seinem Körbchen.

Heute wird es weitere Streiks geben. Denn ich bestreike die Küchenreinigung. Daran hatte gestern nämlich keiner mehr gedacht. Dass nach einer Spaghettischlacht die Verursacher das Feld auch wieder bereinigen müssen. Das wird der nächste Arbeitskampf. Ich schätze um zwölf Uhr dreißig, wenn die Freunde der Nacht wieder Hunger bekommen und ein Frühstück haben möchten. Und ein Frühstück gibt es im Küchenschweinestall auf keinen Fall.

Parole: “Ich spüle nicht!” und “Heute kein Frühstück!”

Hübsch