Vor vierzig Jahren war Frau Lavendelkinder ein Kind wie hundertausend andere Kinder auch. Ein bisschen ängstlich, süßen Sachen zugetan und begeisterte Muttervaterkindspielerin. Im Laufe der Jahre entwickelte sich aus dem Kind heraus eine Frau, die eigene Kinder erschuf und sich seit nun mehr fast achtzehn Jahren mit deren Pflege und Entwicklung befasst. Die Journalistin Frollein Lavandenfant traf sich mit ihr an ihrer aktuellen Wirkungsstätte zu einem ausführlichen Interview über Kindheit heute und früher, über Partnerschaft und Prügelstrafe.
Frl. Lavandenfant: “Frau Lavendelkinder, seit achtzehn Jahren befassen Sie sich nun mit Kindern und deren Aufzucht. Was hat sich in den vergangenen Jahren verändert?”
Fr. Lavendelkinder: “Vieles.”
Frl. L.: “Nun, das ist sehr interessant. Könnten Sie das präzisieren?”
Fr. L.: “Aber gern. Als sie (die Kinder; Anm.d.Red.) noch klein waren, da waren die elementaren Dinge das Zuführen von Lebensmitteln, die Reinigung des Körpers und die Hilfe zur Nachtruhe. Heute ist es so, dass sie (die Kinder; Anm.d.Red.) sich durchaus selbst reinigen, was ein großer Fortschritt ist. Meist bedarf es dazu zwar bei dem ein oder anderen (Kind; Anm.d.Red.) diverse Aufforderungen mit Hinweis auf Gerüche, aber den Akt selbst vollziehen sie im fest verschlossenen Badezimmer.
Auch die Lebensmittel werden heute ohne weiteres zugeführt, es bedarf keine Unterstützung bei der Handhabung von Besteck. Was sich gehalten hat, sind Hinweise auf eine gewisse Körperhaltung, die beim Vorgang der Aufnahme von Lebensmitteln gern gesehen wird.
Die Hilfe zur Nachtruhe hat sich gewandelt in die Aufstehhilfe. Sie sehen, in den vergangenen Jahren fanden große Umwälzungen in den Anforderungen an mich statt.”
Frl. L.: “Und wie geht es Ihnen damit?”
Fr. L.: “Hach. Das ist eine gute Frage. Ich bin schon recht froh, dass ich ihnen (den Kindern; Anm.d.Red.) den Arsch nicht mehr wischen muss. Das können Sie mir glauben. Das war keine meiner liebsten Aufgaben. Und bei den Ichhabehungerrufen nicht mehr sofort aufspringen zu müssen, hat ganz klar Vorteile. Aber die Hilfe zum Aufstehen, damit fühle ich mich nicht so richtig gut. Stellen Sie sich das doch einmal vor. Da haben Sie die ganze Nacht geruht und versucht, den Tag zu vergessen, stehen morgens auf und sehen, dass immer noch alle (Kinder; Anm.d.Red.) da sind. Motivieren Sie sich dann doch mal. Das ist so eine schwierige Situation. Sie gehen in ein Zimmer, wobei die Räumlichkeiten den Titel Zimmer nicht immer verdienen. Manchmal muss man es beim Namen nennen, manchmal muss man Müllkippe sagen. Und dann stehen Sie da, in einem Raum, der einmal ein Zimmer war und nun eine Müllkippe ist und während Sie noch überlegen, ob Sie den dicken Denis (Fernsehsendung-Entrümpler; Anm.d.Red.) anrufen müssen, damit er das Messie-Zimmer wiederaufbereiten kann und das Fernsehvolk dabei zusehen darf, trällern Sie ein freundliches “Guten Morgen” und ernten postwendend ein “Uäääääwürgnäääne?” Keine verständliche Antwort, keine strahlenden Augen, lediglich ein abgewürges Grunzen begrüßt mich. “Du musst jetzt aufstehen, mein Lieber.” säuselt man und bekommt ein abgrundtiefes “Jahaaaaaamaneyweißisch!” entgegengeranzt.
Frl. L.: “Kommt Ihnen das denn irgendwie bekannt vor aus Ihren eigenen Jugendtagen?”
Fr. L.: “Hören Sie mal, was ist das denn für eine Frage? Da kann ich nur ganz empört darauf hinweisen, dass ich stets früh und frohgemut mein Bett verlassen habe.”
Frl. L.: “Sind Sie sicher? Ich habe da bei meinen Recherchen aber ein recht interessantes Detail über Ihre Aufstehgewohnheiten entdeckt, das in eine völlig andere Richtung zeigt.”
Fr. L.: “Details, Details, Details! Was sollen denn das für Details sein, meine Liebe? Genau. Gut. Ich erinnere mich natürlich daran, dass mein Vater irgendwann nur noch kurz seinen Kopf in mein Zimmer steckte und laut schrie: “Steh auf, Du verpenntes Stück, Du hast noch fünf Minuten!”
Aber das zeigt doch einfach nur, dass er pädagogisch nicht sehr versiert war, oder? Oder? Und dann war der Kopf auch schon wieder draußen, bevor ich nur ein Wort sagen konnte. Und wie gern hätte ich ihm einmal mitgeteilt, wie mir dieses morgentliche Geschrei auf den Wecker ging. Ich hätte so gern einmal “Uäääääwürgnäääne?” zurückgebrüllt und….”
Frl. L.: “Ach so? Hätten Sie? In der Tat? Uäääääwürgnäääne? Erinnert Sie das nicht an irgendetwas?”
Fr. L.: “Nein.”
Frl. L.: “Nein?”
Fr. L.: “Nein!”
Frl. L.: “Echt nicht?”
Fr. L.: “Ach Herrgottnochmal. Vielleicht. Ich möchte das nicht weiter vertiefen und habe keine Erinnerung daran. So!”
Frl. L.: “Ob es sich da nicht jemand zu leicht macht?”
Fr. L.: “Was soll das denn jetzt? Da komme ich hier zum Interview über das harte Leben einer Mutter, über Kindheit früher und heute und den ganzen Kicki, und dann werde ich hier auf unangenehme Art und Weise angegangen. Ich muss doch sehr bitten.”
Frl. L.: “Schon gut, wer wird denn hier gleich empfindlich sein! Also. Gehen wir weiter. Wie steht es denn so mit der körperlichen Züchtigung? Was haben Sie für eine Meinung diesbezüglich?”
Fr. L.: “Soll nicht sein, kann passieren, dann ist es Scheiße. So. Weiter.”
Frl. L.: “Und Erziehung auf Partnerschaftsebene? Das Kind als Kollege in der Familie?”
Fr. L.: “Schwachsinn. Ich bin ein autoritäres Arschloch, heutzutage. So sieht es aus.”
Frl. L.: “Also das glaube ich jetzt aber nicht. Bei meiner Beschäftigung mit Ihrer Person ist ein Bild entstanden von einem Menschen, der bei Windelwerbung anfängt zu weinen, weil er so gerührt ist von den niedlichen Babys. Und der sich entschuldigt bei den eigenen Kindern, wenn er herümgebrüllt hat, wie mir eine Wandnachbarin überzeugend beschrieb.”
Fr. L.: “Das ist üble Nachrede. Immerhin habe ich einmal einem meiner Kinder einen Zahn ausgeschlagen.”
Frl. L.: “Soweit ich weiß handelte es sich um einen lockeren Milchzahn und das Wort Arschloch war im Spiel.”
Fr. L.: “Und was soll das jetzt? Wollen Sie meinen Ruf hier komplett vernichten? Meine Kinder nehmen mich doch nicht mehr Ernst, wenn sie glauben, ich bin eine weichgespülte Heulsusi. Das können Sie doch nicht wollen.”
Frl. L.: “Was unsere Leser natürlich zum Schluss noch interessieren würde: Wann kommt das vierte Kind?”
An dieser Stelle musste das Interview leider abgebrochen werden und nachdem der Notarzt einerseits das Midazolam (19 Milligramm, auch Elefantenhypnose genannt; Anm.d.Red.) appliziert hatte, und andererseits das Hämatom unter dem Auge versorgt war, beschlossen Frau Lavendelkinder und Frollein Lavendenfant, sich in den nächsten Wochen nicht auf mehr als einhundert Meter einander anzunähern.