Bei Journelle ging es um sexuelle Übergriffe auf Frauen, das Thema wurde im Netz angestoßen durch die Geschichte mit dem allseits beliebten wunderbaren FDP-Politiker Brüderle, der anscheinend nichts dabei fand, ein paar anzügliche Bemerkungen rauszuhauen. Und während ich Journelles Blogeintrag las, in welchem sie auch ihre eigene Übergriffsgeschichte erzählte, gingen meine Gedanken auf Wanderschaft und siehe da, die Situationen, in welchen meine klare Grenze überschritten wurde, ploppten an die Oberfläche, wie lauter kleine gelbe Plastikenten in einer Badewanne.

Einen dieser Momente deutete ich bereits einmal an, es gab noch soviele mehr. Vor allem in der Gastronomie werden Frauen abgewertet und als Objekt sexueller Späße genutzt. Küchenchefs, die mit offener Hose und herausbaumelndem Geschlecht durch die Küche irren, Köche, die sich weiblichen Auszubildenden nähern, erst harmlos, mit Schulterklopfen, dann umarmen, dann spürt die Auszubildende den harten Schritt des Chefs. Alltag in diesem Metier.

Aber auch anderswo begegneten mir Übergriffe. Schon im zarten Alter von vierzehn wurde mir von einem ungleich älteren Mann bei einer Gelegenheit die Zunge bis zum Anschlag in den Hals geschoben, ohne Vorwarnung. Ich würgte und erbrach mich fast auf sein Hemd.

Mit meiner kleinen Schwester war ich im Kino, “Abyss”, toller Film, leider bekam ich nicht so viel davon mit, es war die Mittagsvorstellung, das Kino sehr leer. Ein Kerl setzte sich neben uns, griff sich in den Schritt und befingerte ausgiebig seinen Genitalbereich. Es dauerte ein bisschen, bis ich bemerkte, was er tat, dann dauerte es noch, bis ich mich aus meiner Erstarrung lösen konnte und mit meiner Schwester einen Platz ganz nahe bei anderen Leuten suchte.

Der mindestens siebzigjährige Prüfer bei meiner Gesellenprüfung, bei der ich Lachsnockerl für die Gemüsesuppe kochen musste, entpuppte sich als Liebhaber zotiger Sprüche. Ein bisschen von der Lachsfarce geriet mir wohl unbemerkt in meine rotgefärbten, langen, zusammengeknoteten Haare. Er kommentierte das folgendermaßen: “Määädsche, hässe da wat in dinge Haare? Dat sieht mir janz jewaltisch nach Sperma aus.” Aha.

Die Bemerkung, dass man ganz sicher sehr gut zu vögeln wäre (Pieppieppiep, wie lustig), weil man doch bestimmt die Beine hinter den Kopf bekäme, kommt auch immer gut an, mag man es als Frau doch gern, wenn Sportlichkeit und Körperbeherrschung so trefflich kommentiert werden.

Einmal gekraulte Eier bei mir bestellt hat ein Mann bei einem Vatertagsbrunch. Ja, das war ein wirklich toller Gag. Gedacht hat er sich dabei nichts. Und das ist das Schlimme daran. Ich bin fest davon überzeugt, dass Männer, die sich Frauen gegenüber so verhalten, Männer, die sexualisierte Sprüche von sich geben, mal kurz rüberlangen, anfassen, mit Blicken versuchen, Kleidungsstücke beiseite zu schieben, sich einfach dabei nichts denken. Keine Wahrnehmung für ihr übergriffiges, unangenehmes und verletzendes Verhalten haben.

Ich frage mich, wie man als Frau eine entspannte Sexualität entwickeln kann und soll, wenn man im Grunde genommen immer auch auf der Hut sein muss, um keine falschen, missverständlichen Signale auszusenden. Ich vermute, Frauen entwickeln schon sehr früh Antennen, mit denen sie wahrnehmen, ob das, was um sie herum passiert, potentiell sexuell bedrohlich ist und wann die Flucht zwingend erforderlich ist.

Ganz ehrlich, es gibt eigentlich keine Frau, mit der ich mich über dieses Thema unterhalten habe, die gesagt hat: “Nöö, kenne ich nicht.” Sie kennen es alle. Aber bei Männern habe ich das bisher nicht gehört, dass sie sich als Opfer von sexuellen Übergriffen gefühlt hätten. Frauen erleben es, manche hin und wieder, manche selten, manche häufig, es ist ein tagtäglicher Vorgang. Er fällt nur noch so selten auf, weil er so sehr zur weiblichen Normalität gehört. Wie wunderbar, jetzt diesen empörten Aufschrei zu hören und sich dieses unguten Gefühls, welches ausgelöst wird durch sexistische Worte oder Taten, wieder bewusst zu sein und zu wissen, ich habe recht mit meinem unguten Gefühl.

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